4-4 Bau eines Stickstoffwerkes


Im Februar 1929 faßt der Vorstand den Bau eines Stickstoffwerkes auf der Zeche ins Auge. Man gäbe eine Riesensumme aus, soll Ruschen Gewerken gegenüber geäußert haben, aber er erwarte aus dem Vorhaben gute Erlöse; alle anderen bauten auch, und da müsse man mit; er müsse die Quoten herausholen und sorgen, daß die Leute beschäftigt bleiben. Im Mai 1929 genehmigt der Vorstand das Vorhaben zu veranschlagten sieben Millionen Mark Baukosten. Er nimmt einen zu Ende Mai zu erwartenden Kassenfehlbestand von rd. 21 Millionen Mark zur Kenntnis.

Der mit sieben Millionen Mark veranschlagte Bau des Werkes kostet schließlich 17 Millionen Mark. Betriebsleiter des Werkes wird Otto Teilken, als Chemiker wird Dr. -Ing. Wilhelm Riese tätig.

Stickstoffwerk

In der Jubiläumsschrift aus Anlaß des 25jährigen Bestehens der Anlage beschreibt Friedrich Büchler die Entstehung der Anlage (gekürzt) wie folgt:
Es waren damals insgesamt 260 Öfen vorhanden, von denen die im Betrieb befindlichen täglich rund 430 000 m3 Überschußgas liefern konnten. Entscheidend für den Beschluß zum Bau eines Stickstoffwerkes war dieser große Gasüberschuß. Am Rande des Industriegebietes gelegen, bestand damals für die Kokerei von Ewald-Fortsetzung wenig Aussicht, an die Ruhrgas-AG als Gasabnehmer angeschlossen zu werden. Man konnte daher ein Verfahren wählen, bei dem das Einsatzprodukt "Gas" gering bewertet wurde.

Ein solches Verfahren wurde von der Firma Hydro-Nitro, Societe Anonyme Genf als General-Lizenzvergeber angeboten.

Während die übrigen synthetischen Stickstoffwerke jener Zeit das Gas durch Tiefkühlung zerlegten, um den Wasserstoff entnehmen zu können, wurde hier durch Krackung bei etwa 1000° das im Gas enthaltene Methan in seine Bestandteile Kohlenstoff und Wasserstoff zerlegt, es wird "gespalten". Hierdurch steigt der normale Wasserstoffgehalt des Koksofengases von 55% auf etwa 72%, dann wird erst das Gas - jetzt Krackgas genannt - durch Tiefkühlung zerlegt wie bei den anderen Verfahren und dabei der Wasserstoff gewonnen.

Bei der Krackgaszerlegung fällt außerdem eine geringe Menge von Kohlenwasserstoff an, die infolge ihres sehr hohen Heizwertes als Treibgas zum Betrieb von Vergasermotoren Verwendung finden. Ein weiteres Nebenprodukt ist der Sauerstoff, der bei der Luftzerlegung für den Zweck der Stickstoffgewinnung anfällt. Dieser Sauerstoff wird in beschränktem Umfange zum Schweißen und Brennen verwendet.

Bei der Krackung des Gases entsteht außer dem erwünschtem Wasserstoff freier Kohlenstoff als Ruß. Er muß sorgfältig aus dem gekrackten Gas entfernt werden, damit er sich nicht in Leitungen, Kompressoren (oder gar in den Syntheseöfen) absetzen kann.

Nachdem der Verfahrensgang klargelegt, und die Verhandlungen mit der Firma Hydro-Nitro abgeschlossen waren, wurde die Bauberatung Professor Dr.-Ing. Häuser von der Kohlentechnik Dortmund übertragen. Den Aufbau des Werkes führten ausschließlich deutsche Firmen aus; darunter Borsig-Berlin, Halberg-Ludwigshafen, Krupp-Essen, Didier-Düsseldorf, Koppers-Essen u.a. Die Bauarbeiten begannen Anfang 1929. Die ersten Belegschaftsmitglieder wurden Anfang 1930 eingestellt.

Die Herstellung flüssigen Ammoniaks auf synthetischem Wege erfolgte ohne besondere Störungen. Am 1. November 1930 konnte man an den Schaugläsern das erste flüssige Ammoniak in die Behälter ablaufen sehen. Schwierigkeiten entstanden jedoch in den vorgesehenen Weiterverarbeitungs-Anlagen des flüssigen Ammoniaks zu Düngesalzen durch die beabsichtigte Kopplung mit dem sogenannten CAS-Reinigungsverfahren. Dieses sieht einfach und durchführbar aus, im Betrieb scheitert es ausschließlich an der Korrosionsfrage.

Da somit die Durchführung des vorstehend erwähnten Verfahrens nicht möglich war, wurde eine Sulfatanlage für ca. 200 tato Düngesalz erstellt, die im April 1931 in Betrieb kam. Die erforderliche Schwefelsäure wurde von auswärts bezogen.

Während die Ammoniaksynthese glatt und störungsfrei lief, bereitete die Rußauswaschung Schwierigkeiten, insbesondere die Entfernung des ausgewaschenen Rußes aus dem Gelände der Anlage, soweit er sich nicht mit dem Abwasser entfernen ließ. Der Ruß füllte große Klärbecken an und türmte sich zu Bergen auf, bis schließlich eine Verwendung für diese Art Ruß gefunden war.

Der Betriebsanlauf im Jahre 1930 fiel in eine Zeit schwerster wirtschaftlicher Depression, mit erheblichen Absatzschwierigkeiten, die eine Vollbeschäftigung des Betriebs verhinderten. Dazu kam noch, daß die Verkaufserlöse damals besonders niedrig lagen und diese die Betriebskosten nicht deckten.

Die Beschäftigung richtete sich nach einem Absatzkontingent von 32702 t N. Dieses entsprach der Kapazität einer Anlage mit 3 Einheiten, wovon aber nur 2 Einheiten mit einer Kapazität von 2180 t N ausgebaut waren. Gemessen an der Kapazität für 2 Einheiten betrug der Absatz an das Stickstoffsyndikat im

Düngejahr 1931/32 36%, Düngejahr 1932/33 38%, Düngejahr 1933/34 56%, Düngejahr 1934/35 54%.

Die katastrophale Absatzlage speziell in schwefelsaurem Ammoniak spitzte sich bis Ende 1934 in der Weise zu, daß die Lagerhalle des Stickstoffwerks, die eine Fassungsvermögen von 40000 t Ware hatte, voll gefüllt war.

BILD Crackanlage

Bei der schrecklichen Arbeitslosigkeit Anfang der 30er Jahre, vor allem in Erkenschwick, war das Stickstoffwerk jedoch der einzige Betrieb, der Arbeitskräfte beschäftigen konnte. Dies rief verständlicherweise bei den Tausenden von arbeitslosen Bergmännern heftigen Neid hervor. Die "Stickstoffler" mußten an den Lohntagen auf dem Heimweg Spießruten laufen und wurden als "Dreigroschenjungen" gehänselt.

Nach langwierigen Verhandlungen kam am 15. Januar 1935 ein Sonderabkommen mit dem Stickstoff-Syndikat zustande, dessen Folgen sich äußerst günstig auf die wirtschaftlichen Ergebnisse des Stickstoffwerkes auswirkten. Es wurde Anfang 1935 die Verarbeitung auf schwefelsauren Ammoniak eingestellt, und das Stickstoff-Syndikat verpflichtete sich, Primär-Stickstoff in Form von Ammoniak fl. im Ausmaß der Erzeugung abzunehmen.

Dagegen wurden das Kontingent der 3. Einheit sowie das Kontingent für techn. Zwecke abgetreten, wofür Ewald beachtliche Vergütungen erhielt. Die Gewerkschaft Ewald mußte sich dagegen verpflichten, auf den Ausbau der 3. Einheit sowie auf die Verarbeitung zu Düngemitteln in eigenen Anlagen zu verzichten.

Infolge dieser nach 1935 sich stetig bessernden Lage auf dem Stickstoffmarkt, wurde an eine Erweiterung des Werkes gedacht.

Durch den Ausbruch des Krieges gingen die hierfür erforderlichen Montagearbeiten nur langsam weiter.

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