3-2 Der Ruhrbergbau der Nachkriegsjahre und Kriegsfolgen


Die ersten Nachkriegsjahre sind erfüllt von politischer und sozialer Unruhe. Aufstände unter der Flagge der Sozialisierung und der Diktatur des Proletariats erschüttern die junge Republik. Vor allem der Kriegsschuldartikel, die Grenzregelungen und die Reparationsforderungen des Versailler Vertrages, der Ende Juni 1919 Deutschland zur Zahlung von über 100 Milliarden Goldmark Entschädigung an die ehemaligen Kriegsgegner verpflichtet, sind Ausgangspunkt einer heftigen Kampagne gegen die Politiker, die widerstrebend den Vertrag unterschreiben. Die Agitation gegen den Vertrag wird letztlich ein Kampf gegen die Weimarer Republik, die mit Inkrafttreten der Verfassung am 11. August 1919 die Übergangsperiode seit dem Rücktritt Wilhelm II. beendet.

Die Wiedergutmachungsforderungen werden 1921 mit 132 Milliarden Goldmark festgesetzt; jährlich sind zwei Milliarden Mark in bar und 26% des Wertes der deutschen Ausfuhr zu entrichten. Dieser Zahlungsplan bringt finanzielle Belastungen, die umso schwerer wiegen, als die deutsche Währung infolge der Verschuldung durch den Krieg bereits stark an Wert eingebüßt hat.

Als Folge des ersten Weltkrieges sind für den Bergbau zwei wichtige Entwicklungen eingetreten: erstens hatte sich der Bergbau mit fortschreitender Zwangswirtschaft dem Diktat des Staates zu fügen und zweitens standen sich nun die Sozialpartner gleichwertig gegenüber. Die der Wirtschaft durch Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen aufgebürdeten Lasten haben jedoch den Klassenkampf nicht beseitigt, sondern verschärft.

Demo in Berlin gegen den Versailler Vertrag

In den Augen der Radikalen, die sich in dem Rätesystem und der wachsenden staatlichen Unordnung immer mehr entfalten, sind die im November 1918 zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgebervertretern des Zechenverbandes getroffenen Vereinbarungen wie Acht-Stunden-Schicht mit Ein- und Ausfahrt, 25% Zulage für Überschichten und 50% Zulage für Sonntagsschichten, Mindestlohn für Gedingearbeiter, neue Kindergeldregelung usw. jedoch völlig unzureichende Zugeständnisse. Man erzwingt deshalb mit immer unsinniger werdenden Forderungen Arbeitszeitverkürzung auf sieben und sogar sechs Stunden.

Als Anfang Februar 1919 die Arbeiterräte bedingungslos das Rätesystem für den Bergbau fordern und eine sozialistische Räterepublik anstreben, schickt die Regierung Truppen ins nördliche Ruhrgebiet. Die Räte rufen zum Generalstreik auf.

Aufruhr tobt auf einer Reihe von Zechen.
Durch das Eingreifen des Generalkommandos Münster schließt das Streikkommitee einen provisorischen Waffenstillstand. Unter dem Schlagwort Sozialisierung bricht zwei Monate später, im Monat Mai, der zweite Generalstreik los. Aufgrund der Februarerfahrungen verhängt die Reichsregierung über das Ruhrrevier sofort den Belagerungszustand. Als der Terror zunahm, wird am 7. April der Sozialdemokrat Carl Severing zum Reichskommissar für das Ruhrgebiet ernannt, der sich gemeinsam mit den militärischen Stellen um Ordnung bemüht.

Nach vier Wochen geht der bisher größte Streik des Reviers zu Ende. Seit Ende November 1918 ist eine Förderung von 45 Millionen Tonnen ausgefallen, den Arbeitern eine Lohnsumme von über 100 Millionen Mark entgangen. Die Arbeitszeitverkürzung wirkt sich katastrophal auf Leistung und Förderung aus.

Am 23. März 1919 wird das Kohlenwirtschaftsgesetz erlassen; die Kohlenpreise werden festgesetzt; die Preisaufsicht haben ein Reichskohlenrat und der Reichswirtschaftsminister.
Im Oktober 1919 schließen der Zechenverband und die Bergarbeitergewerkschaften den ersten Tarifvertrag ab.

Die innen- und außenpolitischen Wirren spiegeln sich auch in den Reichstagswahlen wider. Die Parteien rechts und links außen gewinnen zu erheblichen Lasten der Sozialdemokraten und auch der Zentrumspartei. Die Weimarer Koalition verliert ihre Mehrheit.

Durch die Abtrennung wichtiger Kohlenreviere vom Reich, wie das Saargebiet und Oberschlesien, aufgrund des Friedensvertrages steht einer verminderten Leistungsfähigkeit ein erheblich gestiegener Bedarf gegenüber. Allein die Reparationsforderungen der Siegermächte sehen jährliche Lieferungen von 40 Millionen Tonnen Kohle vor.

Da eine Erfüllung nicht möglich ist, rücken am 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein, richten zur Kontrolle der Reparationszahlungen in bar und in Sachleistungen eine Mission (Micum) ein und dehnen nach der Verkündung des passiven Widerstandes durch die Reichsregierung die Besetzung auf das gesamte Revier aus. Deutschland soll zur Ausführung des Friedensvertrages und der Zahlungsverpflichtungen von 1921 gezwungen werden.

Die französischen und belgischen Behörden gehen dazu über, aus dem Ruhrgebiet herauszuholen, was sie können. Der Ruhrkampf fordert viele Opfer. Der Besatzung gelingt es jedoch nicht, einen geordneten Wirtschaftsbetrieb in Gang zu bringen.

Die Reichsregierung nimmt die Last finanzieller Unterstützung auf sich, eine Maßnahme, die jedoch durch den Rückgriff auf die Druckerpresse erfolgt, was letztlich dazu führt, daß die Flut von Papiergeld und die durch die Blockade der Ruhr verursachte Verschlechterung der deutschen Zahlungsbilanz die Mark endgültig ruiniert, die schnell zur Wertlosigkeit absinkt. Die Produktion sinkt und die Arbeitslosigkeit nimmt rapide zu.

Die Inflation führt zur Neuverteilung des Wohlstandes. So verliert vor allem der bürgerliche Mittelstand als Eigentümer von Vermögen mit festem Geldwert seine Rücklagen und Reichsanleihen, mit denen der verlorene Krieg finanziert worden war. Der Staat dagegen wird praktisch all seine Verpflichtungen los. Da auch dem Arbeiter der Lohn in den Händen zerrinnt, kennzeichnen heftige Streiks die Bemühungen der Arbeiter, ihr Realeinkommen zu halten. Die inflationäre Entwicklung bringt für die Mehrheit der Bevölkerung soziale Not.

Im September liegt der durchschnittliche Wechselkurs des Dollars bei 120 Millionen Papiermark. Um die Stagnation zu durchbrechen, verkündet eine neue Regierung unter Stresemann am 26. September das Ende des passiven Widerstandes.

Im Einvernehmen mit der Regierung wird von Vertretern des Ruhrbergbaus mit der Micum-Kontrollkommission am 23. November ein befristetes Abkommen geschlossen, nach welchem u.a. der Kohlebergbau 18 bis 20 Prozent seiner Förderung kostenlos an Frankreich und Belgien zu liefern hat. Durch das Londoner Abkommen im August 1924 wird die Last der Reparationen vom Revier genommen und dem ganzen Reiche auferlegt. Erst am 25. August 1925 verlassen die letzten Truppen das Revier.

Ruhrbesetzung Januar 1923

Mit der Einführung der Reichsmark am 15. November 1923 wird die Inflation zwar beendet und die Währung stabilisiert, aber die neuen Hoffnungen, die geweckt wurden, treten für den Ruhrbergbau nicht ein.

Der Kapitalmarkt gibt kein Geld für die notwendigen Investitionen für die total ausgebeuteten Zechen her, außerdem sinkt die Nachfrage nach Kohle als Folge der Konkurrenz anderer Energiequellen und Rationalisierungsfolgen in der Wärme- und Kraftwirtschaft. Die Ruhrkohle steht wegen hoher Arbeits- und Sachkosten an der Spitze der Kohlenweltmarktpreise. Als Folge des Kapitalmangels und der Absatzstockung 1924 tritt eine Stillegungswelle mit erbitterten Arbeitsstreitigkeiten ein. Von 1924 bis zum Frühjahr 1926 werden 78 Bergwerke stillgelegt. Gleichzeitig wird eine Konzentrationswelle mit dem Ziel ausgelöst, zu rationalisieren und gemischtwirtschaftliche Großunternehmen zu schaffen.

Anfang 1926 hat die Zahl der arbeitslosen Bergleute im Ruhrgebiet mit 46.000 einen Höchststand erreicht.

Eine Entspannung der Lage für den Ruhrbergbau bringt der englische Bergarbeiterstreik von Mai bis zum Jahresende 1926, der die Nachfrage nach Kohle so anschwellen läßt, daß sie nicht ganz befriedigt werden kann.

Die Ausfuhr von Kohlen, Koks und Briketts des Ruhrbergbaus klettert auf einen nie wieder erreichten Spitzenwert von rd. 43 Millionen Tonnen. Trotzdem stellt das Schmalenbach-Gutachten von 1927 fest, daß im Revier ein durchschnittlicher Verlust von 0,27 Mark je Tonne auftrat, obwohl die Investitionen nur zu 60% aus den Erträgen finanziert wurden.

Insgesamt sind von 1924 bis 1929 die Löhne im Ruhrgebiet zehnmal erhöht worden, wobei die Löhne der Hauer um insgesamt 83,5% zunehmen. Eine Erhöhung der Kohlenpreise wird vom Reichswirtschaftsminister und vom Reichskohlenrat jedoch abgelehnt. Als einzige Industrie ist der Bergbau einer so weitgehenden Zwangswirtschaft unterworfen. Als Folge des New Yorker Börsenkrachs vom 3. Oktober 1929 wird eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst, die zu einem überhasteten Abzug des ausländischen Kapitals aus Deutschland führt. Es sind vor allem die amerikanischen Banken, die bei dem herrschenden Parteienwirrwarr und dem gewinnverzehrenden Steuersystem in Deutschland den sozialpolitischen Verhältnissen mißtrauen. Der Wirtschaftskrise folgen innenpolitische Auseinandersetzungen, die zur Krise des Parteienstaates führen. Investitionsrückgang, Produktionsstillegungen und Massenarbeitslosigkeit sind die Folge.

Die Wirtschaftskrise erzwingt die Stillegung der Zeche Ewald Fortsetzung im Juli 1931.

Als England September 1931 seine Währung vom Gold löst und abwertet, wird die deutsche Kohlenwirtschaft schwer erschüttert. Da das Pfund Sterling die Weltkohlenwährung ist, werden die Auslandsforderungen des Syndikats aus dem Export stark abgewertet.

Es gibt 1931 noch zehn weitere Zechenschließungen. Vorher waren schon 1925 bis 1930 etwa 70 Zechen mit rd. 100.000 Beschäftigten meist durch Verbund geschlossen worden. Die Jahresfördermenge des Ruhrgebiets, die von 1925 bis 1929 noch von 104 auf 133 Millionen Tonnen Kohlen stieg, fällt auf unter 90 Millionen Tonnen Kohlen. Die Anzahl der Schachtanlagen geht von 255 auf nur noch 184 Zechen zurück.

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Zeche Ewald-Fortsetzung

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