9-1 Anpassung, Ölkrise, Neue Kohlepolitik




Zur Anpassung des Absatzes sind die Produktionsplanungen der Ruhrkohle AG bis zur Energiekrise 1973 auf weitere Rücknahme der Förderung gerichtet. Die Ruhrkohle AG schließt weitere sechs Zechen mit rd. 4,5 Millionen Tonnen Jahresfördermenge und 6500 Bergleuten. Dennoch steigen bis 1972 die Halden auf 16,2 Millionen Tonnen Kohlen und Koks.

BILD 155 Primärenergieabhängigkeit in der BRD 1974

BILD 156 Preisentwicklung von Steinkohle, Öl, und Gas

Eine Tendenzwende auf dem Weltenergiemarkt wird durch die Entscheidung der wichtigsten erdölproduzierenden Länder als Folge des 4. Nahostkrieges im Herbst 1973 ausgelöst, ihre Lieferungen zu drosseln und den Preis für Rohöl drastisch zu erhöhen.

Die "Energiekrise" macht die gefährlichen Schwächen der entscheidend vom Importöl abhängigen Energieversorgung der Industrieländer deutlich.1974 entfallen rund 60 % des Energieverbrauchs der Bundesrepublik auf importierte Energie, der größte Teil davon auf Mineralöl.

Der grundlegende Umschlag des Weltenergiemarktes und der davon ausgehende starke Anstieg des Energiepreisniveaus verbessern die Position der heimischen Steinkohle und machen die deutsche Kohle in wesentlichen Bereichen gegenüber ihren Hauptkonkurrenten wettbewerbsfähig.

Unter dem Schock der Krise wird der Wert der deutschen Steinkohle als wichtigster heimischer Energieträger wieder erkannt. Die energiepolitischen Programme geben der Stärkung der Versorgungssicherheit eine höhere Priorität als je zuvor und sind vor allem auf die Entwicklung alternativer Energieträger zum Importöl aus OPEC-Ländern ausgerichtet.

Ruhrkohle Vorstandsvorsitzender Dr. Karl-Heinz Bund hebt im März 1974 die Steinkohle als wichtigsten Versorgungsträger hervor: die Fördermenge dürfe nicht unter 95 Millionen Tonnen Kohlen jährlich sinken, sie solle mindestens gehalten werden und längerfristig bei Bedarf auch wieder steigen können.

Die Bundesregierung schreibt im Oktober 1974 ihr Energieprogramm zum ersten Mal fort. Danach soll die Förderkapazität des deutschen Steinkohlenbergbaus bis 1980 aufrechterhalten bleiben. Mit dem dritten Verstromungsgesetz sichert die Bundesregierung etwa ein Drittel der deutschen Steinkohlenförderung ab. Bis 1980 sollen durchschnittlich 33 Millionen Tonnen SKE jährlich, mindestens aber 30 Millionen, in Kraftwerken eingesetzt werden.

Gleichzeitig sieht das fortgeschriebene Energieprogramm die Einrichtung einer Steinkohlenreserve im Umfang von 10 Millionen Tonnen vor, um auf "die Auslastung des Steinkohlenbergbaus und die Stabilisierung der Beschäftigung hinzuwirken" und "Risiken in der Energieversorgung" elastisch begegnen zu können.

Die Kohlenreserve soll mit Mitteln des Bundes und der Bergbauländer finanziert werden.

Der Rat der Europäischen Gemeinschaften erklärt in seinen um die Jahreswende 1974/75 gefaßten energiepolitischen Grundsatzbeschlüssen für das Jahr 1985 die Aufrechterhaltung der inländischen Steinkohlenförderung auf dem 1973 erreichten Niveau von rd. 250 Millionen Tonnen SKE zum Ziel der Gemeinschaftspolitik.

Die Ruhrgas AG sichert für Westdeutschland den westdeutschen Bezug von Erdgas über eine Rohrleitung mit den Lieferländern Iran und UdSSR vertraglich zu. England entdeckt in der Nordsee laufend neue Erdölfelder und nimmt die erste 160 km lange Leitung zur schottischen Küste in Betrieb. Die Rohölpreise steigen nicht mehr so schnell.

Mit den neuen energiepolitischen Eckwerten sieht sich der Vorstand der Ruhrkohle in den Stand gesetzt, die Aktivitäten des Unternehmens zu verstärken und auszuweiten. Schwerpunkte sind: Erhöhung der Investitionen zur langfristigen Stabilisierung der Kohleförderung, zur Rationalisierung und zur Kohleveredelung. Nach mehr als eineinhalb Jahrzehnt Kohlenkrise wird auch die Belegschaftspolitik wieder aktiv betrieben und um Vertrauen in die Zukunft des Bergbaus geworben.

BILD 158 Förderung, Absatz und Lagerbestände der deutschen Steinkohle

BILD 159 Stromverbrauch in der BRD

Das Jahr 1974 bringt als Folge der Ölkrise und vor allem des Stahlbooms mit 114 Millionen Tonnen eine Nachfrage nach deutscher Kohle, die wesentlich über die Fördermöglichkeiten hinausgeht und den Einsatz fast der gesamten Lagerbestände erfordert. Dank dieser Vorräte werden Versorgungsengpässe vermieden.

Die positive Entwicklung kehrt sich jedoch bereits im Jahre 1975 um.

Die schwere weltwirtschaftliche Rezession führt zu einem tiefen Konjunktureinbruch in den Stahlindustrien der Bundesrepublik und der übrigen Europäischen Gemeinschaft sowie erstmals in der Nachkriegszeit zu einem Rückgang des Stromverbrauchs.

Die Hauptlast dieses Rückgangs trägt die inländische Steinkohle. Dazu führt vor allem, daß entgegen der Zielsetzung des dritten Verstromungsgesetzes der Steinkohleneinsatz in 1975 nicht steigt, sondern um rd. 27% auf annähernd 23 Millionen Tonnen SKE zurückgeht; eine Folge der Inbetriebnahme beträchtlicher neuer Kraftwerkskapazitäten auf Basis Heizöl und Erdgas, die auf Beschäftigung drängen.

Die Verstromung der inländischen Steinkohle wird ab 1975 nicht mehr durch staatliche Subventionen, sondern über die Strompreise subventioniert. Der sogenannte Kohlepfennig beträgt im Jahre 1975 3,2 % der Strompreise.

Diese Entwicklung läßt den Steinkohlenabsatz mit 85 Millionen Tonnen weit unter die mögliche Förderung absinken und die Bestände an Kohle und Koks wieder stark ansteigen, obwohl die Förderung durch Kurzarbeit, Einstellungsstops, Überschichtenbegrenzung und andere Maßnahmen reduziert wird.

Im November 1975 beschließt die Bundesregierung, Kohleeinfuhren nicht mehr zu steigern.

Der seit 1975 eingetretene Einbruch im Steinkohlenabsatz läßt wieder Stimmen laut werden, die eine weitere Rücknahme des Förderniveaus empfehlen. Dr. Karl-Heinz Bund weist dagegen darauf hin, die Kohle sei nicht Last, sondern Chance.

Der Primärenergieverbrauch liegt 1974 und 1975 mit 366 bzw. 348 Millionen Tonnen SKE unter dem bisherigen Höchstwert des Jahres 1973 mit 379 Millionen Tonnen SKE und damit rd. 40 Millionen Tonnen SKE weit unter den Zahlen früherer Prognosen.

Zur Anpassung der Förderkapazitäten werden in Westdeutschland von 1955 bis 1975 rund 69 Millionen Tonnen Jahreskohlenfördervermögen stillgelegt. Die Jahresfördermenge der Bundesrepublik von 92 Millionen Tonnen in 1975 geht in dieser Zeit um 56 Millionen Tonnen Kohlen zurück.

Die Gesamtbelegschaft des deutschen Steinkohlenbergbaus wird sozialverträglich von 607.300 auf 202.300 Beschäftigte zurückgeführt.

Noch nachhaltiger drosseln die westeuropäischen Nachbarn ihre Kohlenförderung, und zwar England um 97 Millionen Tonnen Kohlen oder 43%, Frankreich um 33 Millionen Tonnen Kohlen oder 60% und Belgien um 33 Millionen Tonnen Kohlen oder 73%. Das Zechensterben trifft die Bergleute dieser Länder entsprechend stärker.

BILD 161 Förder- und Belegschaftsentwicklung im deutschen Steinkohlenbergbau

Unter dem Einfluß der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession sowie der Krise in der Eisen- und Stahlindustrie erhöhen sich im Jahre 1976 trotz Kurzarbeitsschichten die Halden Westdeutschlands einschließlich "nationaler Reserve" auf rd. 21 Millionen Tonnen Kohlen und Koks, nur noch übertroffen von den Halden des Jahres 1966.

Durch den starken Verfall des Dollarkurses gehen Absatz und Erlöse im Jahre 1977 weiter zurück. Die Bestände erreichen im Herbst 1977 einschließlich "Nationaler Reserve" mit rd. 28 Millionen Tonnen Kohlen oder einem Drittel der westdeutschen Jahresförderung eine nie gekannte Höhe. Zur Absatzanpassung werden wie im Jahre 1976 Kurzarbeitsschichten verfahren. Der deutsche Steinkohlenbergbau muß vor allem einen empfindlichen Rückgang seiner traditionell hohen Lieferungen an Kokskohle und Koks in die anderen Gemeinschaftsländer hinnehmen.

Im September 1977 beginnt die Erdgaslieferung über Rohrleitungen vom norwegischen Gasfeld Ekofisk in der Nordsee zur deutschen Küste bei Emden. Um die gleiche Zeit zeigen Bürger öffentlich ihren Unwillen über den Bau des Kraftwerkes vom Typ "Schneller Brüter" in Kalkar.

1977 weicht die Istförderung innerhalb der Europäischen Gemeinschaft mit 218 Millionen Tonnen SKE als Folge der Erhöhung von Importkohle auf 45 Millionen Tonnen erheblich von der 1974 festgelegten Zielförderung von 250 Millionen Tonnen SKE ab.

In einem Memorandum an den Rat der Europäischen Gemeinschaft weist Ende 1977 Dr. Bund, Präsident der Studienausschusses des westeuropäischen Kohlenbergbaus, auf diesen eklatanten Widerspruch hin und fordert zur Vermeidung von Aufhaldung, Kurzarbeit und Stillegung von Kapazitäten, den Zustrom von Drittlandsimporten zu mäßigen und eine Menge von 8 bis 10 Millionen Tonnen durch Gemeinschaftskohle zu ersetzen.

Bild 162 Absatz des deutschen Steinkohlenbergbaus nach Verbrauchergruppen

Das Überangebot an Energie schwächt das in der Energiekrise geweckte Bewußtsein der Gefährdung der Energieversorgung wieder ab und lähmt den politischen Willen zur zügigen Realisierung von erkannten Zielen und Vorkehrungen. Es fehlt an umfassenden Investitionen für eine sparsamere und rationellere Energieverwendung. Die Entwicklung alternativer Energiequellen stößt auf größere Schwierigkeiten als erwartet.

Vor dem Hintergrund der trotz Rezession steigenden Ölpreise schreibt 1977 die Bundesregierung das Energieprogramm zum zweiten Mal fort, um damit die ausreichend vorhandene deutsche Steinkohle vorrangig zu nutzen und auf einen sparsameren Energieverbrauch hinzuwirken

Bei einem Primärenergieverbrauch Westdeutschlands von rd. 372 Millionen Tonnen SKE, den die Steinkohle mit nur rd. 67 Millionen Tonnen SKE oder 18% deckt, dem niedrigsten Anteil in ihrer Geschichte, erwartet man bis 1985 einen Gesamtverbrauchsanstieg auf rd. 490 Millionen Tonnen SKE bei einem Steinkohlenanteil von74 Millionen Tonnen SKE oder noch 15%.

Für 1978 sieht die Bundesregierung an öffentlichen Kohlehilfen rd. 4,1 Milliarden Mark vor; sie will die Einfuhrkohle bis 1981 auf 5 Millionen Tonnen jährlich beschränken, bedauert die Abnahme billiger Überseekohle durch europäische Nachbarn und versucht, deren Verzicht über langfristige Verträge und gemeinsamen Kostenausgleich zu erreichen. Sie will heimische Steinkohle weiterhin vorrangig zehn Jahre lang mit 33 bis 35 Millionen Tonnen SKE jährlich verstromen lassen, wie zwischen Bergbau und Energiewirtschaft vereinbart. Hierfür zahlen deutsche Stromverbraucher jährlich 2 Milliarden Mark oder rd. 35 Mark je Einwohner. Die Stromerzeuger sollen überaltete Kraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzen und den Kohleneinsatz über zehn Jahre absichern. Um den Bau von Steinkohlekraftwerken zu erleichtern, soll das Immissionsschutzgesetz entschärft werden, neue Öl- und Gaskraftwerke nicht genehmigt und Öl und Erdgas nur noch begrenzt eingesetzt werden.

BILD 163 Primärenergieverbrauch in der BRD

Der zurückgegangene Kohlenabsatz an die westeuropäische Stahlindustrie soll weiterhin durch Kokskohlenbeihilfe ausgeglichen werden; diese wird aber künftig 400 Millionen Mark jährlich wohl erheblich überschreiten. Da die Halden kein Aufstocken mehr zulassen, sei "Beweglichkeit in der Förderung", notfalls auch durch "betriebliche Anpassung" notwendig. Sozialhilfen, u.a. das Anpassungsgeld, würden auch nach März 1979 weiter voll gewährt. Im Energieforschungsprogramm sollen die Anstrengungen des Bergbaus unterstützt und für die Jahre 1977 bis 1980 rd. 900 Millionen Mark zur Entwicklung neuer Technologien beigesteuert werden. Technik und Arbeit im Kohlenbergbau seien zu verbessern und der Verbrauch an Kohle, Erdöl und Erdgas zu senken.

Als Folge eines kräftigen Wirtschaftswachstums steigt 1978 der Primärenergieverbauch der Bundesrepublik Deutschland gegenüber dem Vorjahr um 3,9 % auf rund 387 Millionen Tonnen SKE. Damit wird der 1973 erreichte höchste Energieverbrauch von 378,5 Millionen Tonnen SKE um mehr als 8 Millionen Tonnen SKE überschritten.

Im Zeitraum 1973/1978 zeigt sich eine unterschiedliche Entwicklung. Während der Beitrag des Erdgases zum Primärenergieverbrauch kontinuierlich um mehr als die Hälfte steigt und die Stromerzeugung aus Kernenergie sich verdreifacht, erreicht der Verbrauch an Mineralöl und Steinkohle nicht mehr das Niveau des Jahres 1973. Der Anteil der Steinkohle am Gesamtverbrauch beträgt knapp 18%.

Importierte Energieträger decken 1978 rund zwei Drittel des Primärenergieverbrauchs. Nach einem vorübergehenden Rückgang 1974 ist damit die Importabhängigkeit kontinuierlich von 60% auf 66 % gestiegen, das entspricht einem Zuwachs von 25 Millionen Tonnen SKE.