7-1 Wiederaufbau, Brennstoffmangel und Beginn der Kohlenkrise



Nach der Kapitulation wird die Staatsgewalt von den vier Besatzungsmächten ausgeübt. Über das Schicksal des Ruhrgebietes bestimmen die Amerikaner und Briten. Auf den Zechen folgen den dirigistischen Eingriffen der Nationalsozialistischen Regierung in die Leitung der Unternehmen die ebenso dirigistischen der Besatzungsmächte, deren Politik auf zwei Forderungen beruht: Fördersteigerung und Entflechtung der organisch gewachsenen und bewährten Unternehmensverbindungen.

Die englische Militärverwaltung mit der North German Coal Control beschlagnahmt die Zechen. Die Vorstandsmitglieder werden abgesetzt oder aus dem Amt gewiesen; ebenso wird der Aufsichtsrat seiner Aufgaben enthoben. Alle Zechen unterstehen englischen Company-Managern. Jegliche Verbindung der Zechen untereinander sowie zwischen diesen und der Hauptverwaltung und zur Muttergesellschaft ist verboten. Im August 1945 erkennt die North German Coal Control mit Sitz in der Kruppschen Villa Hügel in Essen die Bergwerksgesellschaft Ewald König Ludwig an.

In der von Engländern besetzten Zone Deutschlands bilden sich wieder die Parteien der Kommunisten, der Sozialdemokraten und des Zentrums.

Im September leiten die Siegermächte gemäß angloamerikanischem Morgenthauplan, der auch Zerstören des deutschen Bergbaus und Umwandeln Deutschlands in Acker und Weideland vorsieht, den Abriß deutscher Schwerindustriebetriebe ein. England beginnt, seinen Kohlenbergbau zu verstaatlichen.

Anfang 1946 entsteht in der britischen Besatzungszone die Partei der Christlich-Demokratischen Union.

BILD 105 Dr. Hillenhinrichs

Kohle ist so gefragt, daß kriegsgefangene deutsche Soldaten, die sich zur Arbeit im Steinkohlenbergbau verpflichten, schnellstens entlassen werden. Man gewinnt sie mit Speck. Während Normalverbraucher täglich weniger als 1.500 Kilokalorien Nahrungswert erhalten, gewährt die Militärregierung Bergleuten bis Mitte 1946 das Doppelte.

Im März 1946 beauftragt die Militärregierung den Werksleiter der Zeche Haus Aden, Dr. Hillenhinrichs, der bis 1941 auf Ewald Fortsetzung Betriebsdirektor war, mit der Führung der Vorstandsgeschäfte der Bergbau AG Ewald-König Ludwig. Das Amtsgericht Recklinghausen bestellt ihn im April 1947 zum ordentlichen Vorstandsmitglied mit Genehmigung der North German Coal Control.

Im September 1946 wird der der sozialdemokratischen Partei angehörende Hauer Willi Winter Bürgermeister von Oer-Erkenschwick. Bei den ersten Gemeinderatswahlen erreichen die Christdemokraten im Raum Recklinghausen rd. 42% der Stimmen, die Sozialdemokraten rd. 33% und die Kommunisten rd. 17%. Den Oer-Erkenschwicker Gemeinderat stellen 12 Sozialdemokraten, 7 Christdemokraten und 2 Kommunisten.

Ab Anfang 1947 sind das britische, das amerikanische und das französische Besatzungsgebiet Deutschlands wirtschaftlich vereint; die Industrieerzeugung des Gebietes beträgt nur 38% des Standes von 1938.

Die ehemaligen Kriegsgegner rücken von dem für Deutschland trostlosen Morgenthauplan ab und folgen dem Plan des nordamerikanischen Außenministers George Marshall, der umfassende Wirtschaftshilfe seines Landes in Form von Waren und Rohstoffen sowie von Kapital teils als Kredit teils als Zuschüsse für den Wiederaufbau Europas vorsieht.

In den Jahren 1946 und 1947 rettet die deutsche Steinkohle maßgeblich die Bevölkerung der drei Westzonen vor dem Hungertod. Nur die vom Ruhrbergbau verdienten Devisen ermöglichen die lebenswichtige Einfuhr von Lebensmitteln. Es herrschen europaweit Kälte, Hunger und noch große Knappheit an wichtigsten Gebrauchsgütern. Der Ruhrbergbau muß bereits 1947 trotz dringenden Inlandbedarfs vorrangig an ehemals von Deutschen besetzte Länder wieder fast 9 Millionen Tonnen Koks und Briketts zum Preis von 11 Dollar bei Weltmarktpreisen von 25 bis 30 Dollar je Tonne ausführen. Ein leistungsabhängiges Punktsystem sichert Kohlenbergleuten erheblich bessere Versorgung und führt den Zechen Nachwuchs aus allen Teilen Deutschlands zu, der in Heimen eine erste Bleibe findet. Jeder Bergmann erhält 1947 aus privaten amerikanischen Spenden drei Lebensmittelpakete mit je 40.000 kcal Nahrungswert.

BILD 106 Bürgermeister Willi Winter

Die weitaus meisten nationalsozialistischen "Mitläufer" sind "entnazifiziert".

Im August 1947 ist Nordrhein-Westfalens Landtag mit einer Sozialisierung des Steinkohlenbergbaus einverstanden.

Im November übernimmt die Deutsche Kohlenbergbauleitung den Steinkohlenbergbau von der North German Control und gewährt der Zeche Ewald-Fortsetzung für erfolgreiche Mechanisierung zweimal Preise.

Im April 1948 läuft die Marshallplanhilfe an. Da die Sowjetunion den Plan ablehnt und Polen und die CSR ihre Zusage zur Konferenzteilnahme widerrufen, bleibt der Plan auf Westeuropa beschränkt.

Als Anreiz zur Bergmannsarbeit werden Kaufmarken ausgegeben, die ausgewählte Dinge preisgünstig zu kaufen gestatten.

Im Juni 1948 weckt eine Währungsreform die gesamte westdeutsche Wirtschaft sofort und nachhaltig; zwar enteignet sie wieder den Mittelstand nach nur 25 Jahren; sie ist aber unumgänglich: Reichsmarkgeld wird praktisch wertlos, jedermann erhält bis zur nächsten Lohn oder Rentenzahlung oder bis zum nächsten sonstigen Gelderwerb 40 Deutsche Mark zugeteilt. Der Wirtschaftskreislauf beginnt und begründet Wohlstand. Vater dieses vielfach später so genannten "Wirtschaftswunders" ist der Marktwirtschaftler Dr. Ludwig Erhard; er tritt im August 1948 in Recklinghausen mit dem Vortrag "Marktwirtschaft moderner Prägung" hervor, gegen seine marktwirtschaftliche Politik rufen die Gewerkschaften im November zum Streik auf.

Die Bergbau AG Ewald-König Ludwig eröffnet ihre auf neue Währung lautende Bilanz mit 78 Millionen Mark Grundkapital und 104 Millionen Mark gesetzlichen Rücklagen, das sind 182 Millionen Mark Gesamtvermögen. Dabei sind die Aktien allerdings im Verhältnis 1000 Reichsmark zu 1300 Deutsche Mark umgestellt. Die Reichsmark Schlußbilanz weist seit 1945 einen Gesamtverlust von nur rd. 15 Millionen Mark aus, weil ein Darlehen der früheren North German Coal Control von rd. 74 Millionen Mark als verlorener Zuschuß anerkannt wird.

Ab Oktober 1948 üben die Bergwerksdirektoren Reimann und Raueiser mit Erlaubnis der Militärregierung wieder ihre Vorstandsgeschäfte aus.

Im August 1949 entsteht die Bundesrepublik Deutschland. Sie umfaßt die Fläche der von Amerikanern, Engländern und Franzosen besetzten deutschen Gebiete. Im ersten Bundestag in Bonn sind u.a. 35% Abgeordnete der Christlich-Demokratischen Union, 33% Sozialdemokraten, 13% Freidemokraten, 4% Kommunisten, 6% Unabhängige und 4% Abgeordnete der Deutschen Partei. Der 73-jährige Christdemokrat Dr. Konrad Adenauer, der 1948 als Vorsitzender des Parlamentarischen Rates maßgeblich an der Fassung des Grundgesetzes mitwirkt, wird erster Bundeskanzler. Er ist schon 1917 Kölner Oberbürgermeister und später auch Präsident des Preußischen Staatsrates, bis ihn die Nationalsozialisten von 1933 an aller politischen Ämter entheben. Wirtschaftsminister wird der aus der Zeit der Währungsreform bekannte Professor Dr. Ludwig Erhard. Die Militärregierung ist amtlich beendet. Die Bundesrepublik tritt nach dem Petersberg-Abkommen vom November 1949 der Internationalen Ruhrbehörde bei und erreicht die Einstellung des Abbruchs lebenswichtiger westdeutscher Werke, Aufnahme von Konsular und Handelsbeziehungen mit dem Ausland und Beitritt zu internationalen Verträgen und Vereinigungen.

Der Ruhrbergbau steigert die Ausfuhr fester Brennstoffe bis Ende 1949 auf rd. 22 Millionen Tonnen. Kohle ist praktisch der einzige Exportartikel und sichert dem Staat die dringend benötigten Devisen.

Ab Anfang 1950 gibt es allgemein genug Lebensmittel. Westdeutschland hat allerdings zwei Millionen Arbeitslose.
Im Juni billigt der Bundestag ohne die Stimmen der Sozialdemokraten den Beitritt zum Europarat.
Im Mai 1951 wird das Gesetz über Mitbestimmung von Arbeitnehmern in Aufsichtsräten und Vorständen der Montanindustrie erlassen.

Im Juni 1951 sollen 13 Milliarden Dollar nordamerikanischer Wirtschaftshilfe für den Wiederaufbau Westeuropas als verlorene Zuschüsse oder langfristige Darlehen geleistet worden sein.

Nur 34 von 140 Ruhrzechen sind jünger als 70 Jahre. Damit der deutsche Steinkohlenbergbau die Erzeugung halten und möglichst erhöhen kann, setzen gewerbliche Wirtschaft und Bundesregierung erhebliche Investitionen und Steuerhilfen zur Erneuerung und Erweiterung von Betriebseinrichtungen sowie auch zum Wohnungshau durch. Kohle kostet etwa 30 Mark, Koks rd. 50 Mark je Tonne. Verbraucher zahlen für den Bergmannswohnungsbau eine Abgabe von zwei Mark je Tonne Kohle.

Die Bundesrepublik Deutschland tritt 1952 ohne Einverständnis der Sozialdemokraten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl bei und die "Alliierte InternationaIe Behörde” entläßt die deutschen Montanbetriebe im März 1952 aus der Kontrolle.

Aufgrund des Mitbestimmungsgesetzes wird der Aufsichtsrat der Bergbau Aktiengesellschaft Ewald-König Ludwig im Mai 1952 umgebildet. Das Aufsichtsratsmitglied Dr.-lng. e.h. Konrad Ende wird Vorsitzender als Nachfolger von Paul Pleiger, der mit sechs weiteren Mitgliedern ausscheidet, unter ihnen auch der 78 Jahre alte Generaldirektor Bergrat Carl Hollender. Die ersten Belegschaftsvertreter im Aufsichtsrat sind Josef Berouschek, Karl Heinz Emde sowie der Elektriker Wilhelm Hobirk vom Stickstoffwerk Erkenschwick. Johann Mugrauer wird erster Arbeitsdirektor im Vorstand und Bergwerksdirektor.

Ab 1953 gibt es einen gemeinsamen Europäischen Markt für Kohle und Stahl.

Unter Streikdruck wird 1953 die Schichtzeit im Ruhrgebiet ab April allgemein von acht auf siebeneinhalb Stunden verkürzt. Im Juli geht die Tätigkeit der Deutschen Kohlenbergbauleitung zu Ende.

BILD 108 Dr.- Ing. e.h. Konrad Ende



Oer-Erkenschwick wird Stadt.

Bei der Bundestagswahl im September erzielen die Sozialdemokraten im Raum Recklinghausen 37%, die Christdemokraten 48% der Stimmen.

Im Jahre 1954 wird Hermann Möhlen Kaufmann im Vorstand nach Engelbert Raueiser.

Zu Preisen von 43 Mark je Tonne Kohle kann der Ruhrbergbau 1955 die Nachfrage nicht decken. Zusätzlich muß teurere Kraftwerkskohle eingeführt werden. Die Bergbaulöhne steigen um 10%. Eine "Produktionsprämie" gewährt den Bergleuten in Vortrieb und Gewinnung 50 Mark, den übrigen 20 Mark monatlich zusätzlich, wenn sie alle Schichten verfahren. Die deutsche Stahlerzeugung erreicht den dritten Platz in der Welt nach den USA und der Sowjetunion.

Im Jahre 1956 gibt die Montanbehörde die deutschen Kohlenpreise frei. Die nach dem Investitionshilfegesetz von 1951 möglichen Sonderabschreibungen im Bergbau entfallen. Ein neues Gesetz erlaubt dem Steinkohlenbergbau Sonderabschreibungen von 30 bis 50% innerhalb von vier Jahren auf zunächst neun Jahre für jegliche Bergtechnik, für Zechenverbund, für Anschlußzechen und für neue Zechen. Bergleute erhalten eine steuerfreie Bergmannsprämie von 2,50 bzw. 1,25 Mark je Schicht aus Bundesmitteln, die rd. 180 Millionen Mark jährlich kostet. Die Preise steigen um 2 Mark je Tonne Kohle. Ab Oktober 1956 werden zwei bezahlte arbeitsfreie Ruhetage monatlich eingeführt; hierauf werden gesetzliche Wochenfeiertage noch angerechnet.

Im Jahre 1957 wird die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stuhl zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft erweitert.

Die Knappschaftsversicherung verbessert ihre Leistungen um 422 Millionen Mark: hierdurch steigt die Last des Bundeshaushaltes von 470 auf 720 Millionen Mark.

Die Ruhrkohlepreise werden trotz Warnung von Bundeswirtschaftsminister Professor Erhard auf rd. 65 Mark je Tonne Kohle erhöht.

Daß die Preiserhöhung der Ruhrkohle auf 65 Mark je Tonne im Jahre 1957 "dem Kohlenbergbau jene freie wirtschaftliche Entfaltung ermöglicht, wie sie nach der Währungsreform für andere Wirtschaftszweige bestanden hat", hofft der Vorstand der Gesellschaft im Herbst. Ihm gehört inzwischen nach Johann Mugrauer als Arbeitsdirektor der ehemalige Bergschullehrer Herbert Buttchereit an. Es beginnt das Aufhalden von Kohlen und Koks.